Praxis Dr. Wolfgang M. Zimmer
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Aufbau von Gingivarezessionen mit Bindegewebstransplantaten

unter Einsatz des Operationsmikroskopes
Die gesunde, funktionsfähige Gingiva spielt eine wichtige Rolle für die orale Gesundheit. Die Gingiva verhindert als biologische Barriere das Eindringen von Mikroorganismen und anderen schädigenden Substanzen. Daneben haben die keratinisierte, befestigte marginale Gingiva und die papilläre Gingiva eine wichtige mechanische Schutzfunktion beim Kauen. Das wird sowohl von Zahnärzten als auch von Patienten zunehmend erkannt, weshalb die Behandlung von Zahnfleischrezessionen immer größere Bedeutung gewinnt.

Abb. 1: Gesunde Gingiva
Abb. 1: Gesunde Gingiva

Natürliche Gingiva: Die Gingiva verläuft girlandenförmig entlang des Randes der natürlichen Zahnkronen (Abb. 1). Die marginale Gingiva bedeckt sowohl die Schmelz-Zement-Grenze der Zähne als auch den Rand des knöchernen Alveolarfortsatzes. Die Gingiva füllt außerdem die Zahnzwischenräume und bildet Zahnfleischpapillen; das wird als papilläre Gingiva bezeichnet. Die Gingiva ist verhornt, was ihr eine hellrosa Farbe verleiht. Im Unterschied dazu weist die orale Mukosa, die nicht keratinisiert ist, einen dunkelroten Farbton auf. Der Übergang zwischen keratinisierter Gingiva und nicht-keratinisierter Mukosa, die sogenannte Muko-Gingivalgrenze, ist oft deutlich erkennbar.

Die Breite der natürlichen Gingiva beträgt in der Regel zwischen zwei und fünf Millimetern; dies variiert jedoch je nach Zahn und von Patient zu Patient. Die Gingiva erfüllt eine wichtige Schutzfunktion, indem sie die Zahnwurzeln und den Alveolarknochen abdeckt und so vor mechanischen, thermischen, chemischen und bakteriellen Schädigungen bewahrt. Dabei spielen die Keratinisierung und das feste Verwachsensein mit dem Alveolarknochen eine entscheidende Rolle.

Abb. 2: Rezession über die befestigte Gingiva hinaus bis in die bewegliche Mukosa.
Abb. 2: Rezession über die befestigte Gingiva hinaus bis in die bewegliche Mukosa.

Gingivarezessionen: kommen bei zahlreichen Patienten vor. Eine Gingivarezession entsteht, wenn sich die Gingiva über die Schmelz-Zement-Grenze des Zahnes nach apikal zurückzieht, so dass die Zahnwurzel teilweise freiliegt. Wichtig ist die Unterscheidung von Rezessionen innerhalb der befestigten Gingiva und solchen, die über die Gingiva hinaus in die orale Mukosa reichen (Abb. 2). Denn wenn eine Rezession über die befestigte Gingiva hinausreicht, besteht ein besonders hohes Risiko, dass sie weiter fortschreitet.

Abb.3: Rezession an 31 bis zum Apex führte zum Zahnverlust
Abb.3: Rezession an 31 bis zum Apex führte zum Zahnverlust

Indikationen zur Rezessionsbehandlung: Nicht jeder freiliegende Zahnhals erfordert eine Behandlung. Die Indikation kann nur im Einzelfall und nach Bewertung der ursächlichen Faktoren gestellt werden. Eine mögliche Indikation können Schmerzen an freiliegenden Zahnhälsen bei Kälte- oder Wärme-, Süß- oder Säurereizen sein.

Bei Patienten mit besonders hohem Kariesrisiko kann das Risiko einer Wurzelkaries an einem wichtigen Zahn eine Indikation zur Rezessionsdeckung sein. Ebenso kann es indiziert sein, einer Zone an befestigter Gingiva zu schaffen, wenn eine Rezession bei fehlender befestigter Gingiva rasch fortschreitet. Zwar führen fortschreitende Rezessionen, die unbehandelt bleiben, nicht zwangsläufig zum Zahnverlust. Doch kann eine sehr tiefe Rezession durchaus den Verlust des betroffenen Zahnes zur Folge haben (Abb. 3).

Im Rahmen einer kieferorthopädischen Behandlung können Gingivarezessionen entstehen, wenn Zähne mit extrem dünner oder fehlender befestigter Gingiva bewegt werden. Bei fortschreitenden Rezessionen ist eine umgehende Behandlung indiziert, um die Progression zu stoppen. Starke einseitige Rezessionen im Oberkiefer Frontzahnbereich bei Patienten mit kurzer Oberlippe können sehr störend wirken. Wenn ein Patient darunter sehr leidet und zur Kompensation die Lippen beim Sprechen und Lachen krampfhaft zusammenkneift, kann eine Rezessionsbehandlung ebenfalls indiziert sein.

Das ästhetische Bewusstsein der Patienten ist generell stark gestiegen. So erwarten Patienten bei einer Rehabilitation mit erstklassigen zahnfarbenen Restaurationen auch ein natürliches Aussehen des Zahnfleisches.

Maßnahmen zur Rezessionsbehandlung: Zahlreiche Therapien werden angewandt; sie reichen von der Abdeckung freiliegender Zahnhälse durch Füllungen oder Kronen über das Verlegen von Schleimhautlappen bis hin zur freien Verpflanzung von Gaumenschleimhaut oder Bindegewebe. Das Abdecken von Rezessionen mit Kunststofffüllungen oder mit apikal extendierten Kronen ergibt zumeist keine natürlich wirkenden Ergebnisse, weil die Kronen der so behandelten Zähne im Vergleich zu den Nachbarzähnen verlängert erscheinen. Ein ästhetisch einwandfreies Ergebnis ist dann möglich, wenn die Rezession mit Weichgewebe aufgebaut wird.

Wenn in der Nachbarschaft von Rezessionen noch eine genügend breite und dicke Zone an keratinisierter Gingiva vorhanden ist, können sie mit einem Verschiebelappen erfolgreich gedeckt werden.

Häufig treten Rezessionen jedoch gerade in Bereichen mit dünner oder völlig fehlender befestigter Gingiva auf. Dann muss eine Zone an befestigter Gingiva neu geschaffen werden, die einer normalen Beanspruchung beim Putzen standhalten kann. Dies lässt sich nur durch Verpflanzung von Weichgewebe erreichen.

Abb. 4: Freies Schleimhauttransplantat vom Gaumen mit typischer, weißlicher Farbe.
Abb. 4: Freies Schleimhauttransplantat vom Gaumen mit typischer, weißlicher Farbe.

Freies Schleimhauttransplantat: Seit Jahrzehnten bekannt und häufig verwendet ist das sog. „Freie Schleimhauttransplantat“, bei dem eine Schicht keratinisierter Gaumenschleimhaut auf den Rezessionsbereich verpflanzt wird. Vorteil dieser Technik ist die einfache Entnahme, da das Spendergewebe von der Gaumenoberfläche stammt.

Dem stehen jedoch gravierende Nachteile gegenüber. Durch die Gewebeentnahme entsteht am Gaumen eine großflächige offene Wunde, die zu postoperativen Schmerzen und Nachblutungen neigt. Das verpflanzte Gewebe weist außerdem die unnatürlich wirkende, helle Farbe des Gaumenepithels auf (Abb. 4)

Insbesondere ist jedoch der Erfolg der Rezessionsdeckung mit Freien Schleimhauttransplantaten ungewiss, außer wenn sehr dicke Transplantate verpflanzt werden. Grund dafür ist, dass der Epithelanteil des Transplantates nach der Verpflanzung nicht überlebt, sondern nur das mitverpflanzte Bindegewebe. Dicke Freie Schleimhauttransplantate wirken unnatürlich klobig (Abb. 5) und oft „flickenartig“ aufgesetzt, im Gegensatz zu reinen Bindegewebstransplantaten vom Gaumen, die mit einem Verschiebelappen abgedeckt werden (Abb. 6).

Abb. 5: Aufgesetzt wirkendes Freies Schleimhauttransplantat am Zahn 33.
Abb. 5: Aufgesetzt wirkendes Freies Schleimhauttransplantat am Zahn 33.
Abb. 6: Gut integriertes mikrochirurgisches Bindegewebstransplantat am Zahn 33.
Abb. 6: Gut integriertes mikrochirurgisches Bindegewebstransplantat am Zahn 33.

Abb. 7: Kleine, gut geschlossene Gaumenwunde nach mikrochirurgischer Entnahme eines Bindegewebstransplantates.
Abb. 7: Kleine, gut geschlossene Gaumenwunde nach mikrochirurgischer Entnahme eines Bindegewebstransplantates

Bindegewebstransplantat: Die Nachteile der Freien Schleimhauttransplantate führten zur Entwicklung von Operationstechniken, bei denen subepitheliales Bindegewebe vom Gaumen verpflanzt wird. Zwar ist die Gewebsentnahme technisch wesentlich anspruchsvoller, die Vorteile der Bindegewebstransplantate wiegen dies jedoch mehr als auf. Zu den Vorteilen zählen eine kleine postoperative Gaumenwunde (Abb. 7) ohne größere Gefahr von postoperativen Schmerzen oder Blutungen.

Mit Hilfe der Bindegewebsverpflanzung lässt sich ein widerstandsfähiges, befestigtes Weichgewebe aufbauen und Rezessionen sehr gut decken. Das geschaffene Gewebe wirkt natürlich und unterscheidet sich nicht wesentlich von der Gingiva in der Nachbarschaft.

Abb. 8: Operationsmikroskop
Abb. 8: Operationsmikroskop

Mikrochirurgische Behandlung: Die Vorteile der Verpflanzung von subepithelialem Bindegewebe vom Gaumen können optimal genutzt werden, wenn die Behandlung unter einem Operationsmikroskop (Abb. 8) erfolgt.

Dessen 6- bis 12-fache Vergrößerung erlaubt die Verwendung von besonders grazilen Instrumenten und sehr feinem Nahtmaterial.


Durch die Vergrößerung lässt sich das Bindegewebstransplantat exakt aus dem Gaumen herauspräparieren (Abb. 9), so dass ein gleichmäßig dickes Gewebe von ca. 1 mm Stärke gewonnen werden kann (Abb. 10).

Durch die Vergrößerung lässt sich das Bindegewebstransplantat exakt aus dem Gaumen herauspräparieren (Abb. 9), so dass ein gleichmäßig dickes Gewebe von ca. 1 mm Stärke gewonnen werden kann (Abb. 10).
 Durch die Vergrößerung lässt sich das Bindegewebstransplantat exakt aus dem Gaumen herauspräparieren (Abb. 9), so dass ein gleichmäßig dickes Gewebe von ca. 1 mm Stärke gewonnen werden kann (Abb. 10).
Abb. 9 und 10: Links die mikrochirurgische Entnahme des Bindegewebes aus dem Gaumen, rechts das gewonnene Transplantat.

Durch die Vergrößerung lässt sich das Bindegewebstransplantat exakt aus dem Gaumen herauspräparieren (Abb. 9), so dass ein gleichmäßig dickes Gewebe von ca. 1 mm Stärke gewonnen werden kann (Abb. 10).


Bei vielen Patienten ist die Schleimhaut in der Umgebung der Rezessionen sehr dünn; oft hat sie einen Durchmesser von weniger als einem Millimeter. Um aus einem derart fragilen Weichgewebe einen stabilen Verschiebelappen zur Abdeckung des Bindegewebs-transplantates zu bilden, ist die Verwendung eines Operationsmikroskopes unabdingbar.

Spannungsfreie Nähte mit feinem Nahtmaterial der Stärke 7-0 ermöglichen einen primären Wundverschluss, der eine wichtige Voraussetzung für eine komplikationsfreie Heilung ist.

Schonendes mikrochirurgisches Vorgehen beschleunigt die Wundheilung, postoperative Schmerzen oder Schwellungen kommen in der Regel nicht vor. Das mikrochirurgisch verpflanzte Bindegewebe führt nach der Einheilung zu einer umfangreichen, häufig sogar vollständigen Deckung bukkaler Gingivarezessionen (Abb. 11 und 12). Das neue, befestigte Weichgewebe fügt sich harmonisch in die umgebende Gingiva ein.

Abb. 11 und 12: Tiefe Rezession am Zahn 14 vor und nach der mikrochirurgischen Rezessionsdeckung.
Abb. 11 und 12: Tiefe Rezession am Zahn 14 vor und nach der mikrochirurgischen Rezessionsdeckung.
Abb. 11 und 12: Tiefe Rezession am Zahn 14 vor und nach der mikrochirurgischen Rezessionsdeckung.

Papillenaufbau:  Sehr schwierig ist dagegen der Aufbau von Rezessionen der Interdentalpapillen. Nach heutigem Kenntnisstand ist ein vollständiger chirurgischer Aufbau von Interdentalpapillen kaum möglich; und zwar deshalb, weil fehlender Alveolarknochen die Hauptursache des Papillenrückgangs ist. Mit Bindegewebstransplantaten ist deshalb nur ein teilweiser Papillenaufbau erzielbar (Abb. 13 und 14). Wegen der Grazilität und Verletzlichkeit der Interdentalpapille leistet das Mikroskop bei der Operation wertvolle Hilfe. 

Abb. 13 und 14: Papillenabbau zwischen 21/22 vor und elf Monate nach der mikrochirurgischen Behandlung
Abb. 13 und 14: Papillenabbau zwischen 21/22 vor und elf Monate nach der mikrochirurgischen Behandlung
Abb. 13 und 14: Papillenabbau zwischen 21/22 vor und elf Monate nach der mikrochirurgischen Behandlung


Patientenzufriedenheit: Die Patienten äußern sich regelmäßig sehr zufrieden über den problemfreien Operationsverlauf und das Behandlungsergebnis der mikrochirurgischen Rezessionsbehandlung. Infolge dessen und aufgrund eigener langjähriger klinischer Erfahrung mit dieser Methode kann die mikrochirurgische Verpflanzung von Bindegewebstransplantaten zur Behandlung von Gingivarezessionen sehr empfohlen werden.